Im Zeichen der Angst

Im Zeichen der Corona-Angst

Ein Virus hält die Welt in Schockstarre, die Politik schränkt massiv Grundrechte ein. Was ist wirklich dran an den Horrormeldungen? Und: Was können wir tun?

(Susan Bonath)

Stillstand, Zahlen und maximale Unsicherheit und Feindseligkeit bestimmen dieser Tage die Gesellschaft. Gibt es neue Tote? Wird es eine bundesweite Ausgangssperre geben? Ob Verkäuferin Petra, Betonbauer Kurt oder Leiharbeiter Mahmoud oder Dolmetscherin Mariama: Die Arbeiterklasse starrt gebannt auf die täglichen Nachrichten, bestimmt von Horrorbildern aus italienischen Krankenhäusern, täglich neuen Toten und auferlegten Ausgangssperren. Nur ein Thema zählt noch: Der unsichtbare Feind namens Coronavirus.

In diesen Tagen fällt es schwer, rational zu bleiben und sich nicht von der Angst treiben zu lassen. Die Angst gründet offenbar vor allem auf der Unsichtbarkeit der Gefahr. So ein Virus sieht man nicht. Kann es mich, meine Kinder, meinen Partner, meine Eltern, meine Freunde töten? Welche Beschränkungen der Grundrechte sind der Gefahr angemessen und welche nicht? Wer realistische Antworten auf diese Frage will, darf seinen Verstand nicht der Angst überlassen.

Unsicherheit verängstigt

Tatsache ist, dass es sich bei dem Virus SARS CoV2, der die weltweite Pandemie verursacht, um einen Vertreter der Coronaviren handelt, der Ende des vergangenen Jahres erstmals bei Menschen entdeckt wurde. Diese Virengruppe ist reich an Exemplaren, einige verursachen normale Erkältungskrankheiten. Offenbar hat das Virus den Wirt gewechselt, ist also von einem Tier auf Menschen übergesprungen. Bei Coronaviren ist das nicht unüblich. 

Das Problem: Niemand weiß in solchen Fällen anfangs, wie gefährlich ein solches Virus für Menschen ist. Dass einige Träger desselben schwer krank werden, teils beatmet werden müssen und einige Betroffene sterben, fiel naturgegeben als erstes auf. Denn gerade diese Patienten wurden darauf untersucht. Die drastischen Maßnahmen, die China daraufhin rasch eingeleitet hat, sind daher verständlich.

Inzwischen weiß man aber mehr – und könnte sogar noch mehr wissen, wenn man wollte. Aufgrund getesteter Personen, die aus „Risikogebieten“ kamen, ist bekannt, dass viele Infizierte, insbesondere junge Leute und Kinder, überhaupt keine Symptome zeigen. Andere bekommen Husten, Schnupfen, Fieber, einige auch Durchfall. Gemessen an den positiv getesteten Personen werden etwa fünf Prozent so schwer krank, dass sie zeitweise beatmet werden müssen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um ältere Menschen mit schweren Vorerkrankungen.

Übrigens besagt eine britische Studie aus dem Jahr 2006, dass 2003 in Pflegeheimen etwa acht Prozent der mit einfachen Erkältungsviren infizierten Pflegeheimbewohner offenbar an diesen starben (1).

Eine aktuelle Studie gibt das Durchschnittsalter der im schwer betroffenen Italien corona-positiv getesteten Verstorbenen auf 79,5 Jahre an, 70 Prozent der Betroffenen waren Männer. Zum Vergleich: In Italien lag die Lebenserwartung von Männern zuletzt bei 80,8 Jahren, in Deutschland sogar nur bei 78,7 Jahren. Nur fünf unter 40jährige überlebten die vom Coronavirus verursachte Erkrankung COVID19 nicht, und allesamt hatten diese schwere Vorerkrankungen, wie Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit oder Diabetes (2).

Todesraten niedriger als anfangs geschätzt

Kursierten erst höhere Todesraten von vier bis fünf Prozent, beziffern diese inzwischen selbst Forscher des in Deutschland den Ton angebenden Robert-Koch-Instituts auf 0,3 bis 0,7 Prozent der CoV2-Positiven. Und hier taucht ein weiteres Problem auf: Wie viele Menschen sind nicht getestete Virusträger? So wird in den einzelnen Staaten nach unterschiedlichen Kriterien meist erst bei schwereren Krankheitssymptomen getestet. Um valide Zahlen herauszufinden, müsste aber flächendeckend in einem „Risikogebiet“ mit vielen Fällen getestet werden. Das ist bisher nirgendwo passiert.

Genauso wenig ist bekannt, ob positiv getestete Verstorbene tatsächlich dem CoV2 erlegen sind. In der Medizin ist es bekannt, dass andere Viren oder Bakterien gerne bereits geschwächte Patienten befallen. Aus diesem Grund verschreiben etwa Kinderärzte bei hartnäckigen Erkältungen Antibiotika, obwohl diese nichts gegen Viren, wohl aber gegen aufgelagerte Bakterieninfektionen ausrichten. 

Wurden also die Verstorbenen zum Beispiel auf multiresistente Krankenhauskeime getestet? Man weiß es nicht. Dabei belegen Studien, dass diese Bakterien, die gegen Antibiotika immun sind, in allen Krankenhäusern auf dem Vormarsch sind. In der EU liegen dabei Italien und Griechenland ganz vorne. 

Mediziner und Virologen widersprechen

Tonangebend für Deutschland ist in Sachen Corona-Pandemie das staatlich finanzierte Robert-Koch-Institut (RKI). Der dort tätige Virologe Christian Drosten hatte 2003 einen Test für das damals grassierende SARS COV-Virus mitentwickelt. Doch es gibt viel Kritik aus der Wissenschaft und der Medizin an der Informationspolitik des RKI.

So werfen diverse Experten diesem unter anderem vor, nicht ausreichend valide erhobene Zahlen zu präsentieren, Negativmeldungen zu betonen und Positivmeldungen, etwa von geheilten schweren Fällen, auszulassen und so – bei aller auch ihnen zufolge gebotenen Vorsicht – unnötige Ängste zu schüren. Dazu gehören unter anderem Schwergewichte wie Karin Mölling. Die Biochemikerin und Molekularbiologin forschte zeitlebens unter anderem am Max-Planck-Institut und am Institut für medizinische Virologie Zürich (3), aber auch der Frankfurter Chefarzt Klaus-Peter Hunfeld und sein Kollege Leo Latasch (4), sowie der Lungenfacharzt und ehemalige Flensburger Gesundheitsamtsleiter Wolfgang Wodarg (5).

Kaputt gesparte Gesundheitssysteme

Während sich die Reichen reich ausgestattete teure Privatkliniken leisten können, ist die Bevölkerung auf ein Gesundheitssystem angewiesen, das seit Jahren kaputt gespart wurde. Jeder, der in den letzten zehn, zwanzig Jahren im Krankenhaus war, dürfte ein Lied davon singen können. Laut Statistik existieren in Deutschland derzeit etwa 28.000 Intensivbetten. Damit kommt ein Intensivbett auf knapp 3.000 Einwohner. Zuletzt waren 24.000 dieser Betten auch ohne Corona-Pandemie belegt. Laut Ärzten sind jedoch nicht alle davon mit entsprechendem Gerät ausgestattet, es fehlt zudem an Personal.

Zum Vergleich: Italien verfügt demnach insgesamt über weniger als 5.000 Intensivbetten, die häufig zudem schlecht ausgestattet sind. Über viele Jahre wurde dort kaum Geld in das Gesundheitssystem investiert. Damit kommt lediglich ein Bett auf gut 12.000 Einwohner. Darüber hinaus leben in Italien mehr ältere Menschen als in Deutschland. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt dort aktuell bei 47,3 Jahren, in Deutschland bei 44,4 Jahren.

All das, also ein kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Intensivbetten, Mangel an medizinischem Personal und die ältere Bevölkerung insgesamt, ist nicht unbeteiligt an den Horrorbildern, die aus Italien, vor allem der Lombardei, zuletzt durch die Medien gingen. Mehr noch: Fast jährlich während der Grippesaison kollabiert das Gesundheitssystem in Italien ebenfalls, insbesondere in der Lombardei.

Allein der Gedanke daran, durch eine schwere Krankheit einer unterfinanzierten Klinik ausgeliefert zu sein, dürfte gravierend zu weiterer Unsicherheit beitragen. Doch daran ist nicht das Coronavirus schuld, sondern die kapitalistische Profitmaschine, der wir alle unterworfen sind.

Profitorientierte Wirtschaft als Hauptursache von Pandemien

Forscher warnen darüber hinaus seit Jahren vor neuen Krankheiten, die sich immer schneller ausbreiten können. Ein Grund dafür ist die profitorientierte, zerstörerische globale Wirtschaftsweise. Diese basiert auf privatem Eigentum von Rohstoffen, Maschinen und Technologien.

Die Privatiers lassen damit alles nur zu einem Zweck produzieren: Sie müssen möglichst mehr Profit in ihre Taschen erwirtschaften als ihr Konkurrent – und dies auf Kosten der Lohnabhängigen. Letztere sind gezwungen, ihre Arbeitskraft an die Eigentümer zu verkaufen. 

Dieses System zwingt die Kapitaleigner dazu, ihre Unternehmen immer weiter zu vergrößern und immer schneller immer mehr zu produzieren. Das ist mit Raubbau an den ökologischen Grundlagen auf der ganzen Welt verbunden. Denn Rohstoffe lagern nicht vor der Haustür. 

Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass Viren eine der ersten Formen beginnenden Lebens sind, die sämtliche Zeiten des Artensterbens überdauert haben. Heutige Viren werden von Wirt zu Wirt übertragen, in dessen Zellen sie sich einnisten, um sich vermehren zu können. Ist eine Population durch die Zerstörung ihrer ökologischen Grundlagen geschwächt, ist sie anfälliger für krank machende Viren. Hinzu kommt die Ausbeutung des gesamten Planeten Erde durch den Menschen und der weltweite Handel. All das trägt zur Verbreitung von Krankheitserregern bei.

Ein Angstprogramm für weiteren Abbau sozialer Rechte?

Hinzu kommt: Der Kapitalismus befindet sich in einer voranschreitenden Krise. Diese zeigt sich in zunehmender Verarmung, schrumpfendem Absatz, wachsender Überproduktion und fallenden Profiten. Kapital und Vermögen konzentrieren sich in immer weniger Händen. Wenn große Teile von Bevölkerungen verelenden, keinen Zugang zu sauberem Wasser, ausreichender Nahrung, moderner Hygiene und Krankenversorgung haben, kommt es nicht nur vermehrt zur Ausbreitung von Krankheiten. 

Dann muss sich die besitzende herrschende Klasse zunehmend bedroht fühlen. Denn soziale Verelendung ist ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Gewalt, die sich gegen sie richten könnte. Deshalb ist der territoriale Manager des Großkapitals, der Staat, immer daran interessiert, die unteren Schichten gegeneinander aufzuhetzen.

Die aktuellen restriktiven Maßnahmen bis hin zu flächendeckenden Ausgangssperren bergen mehrere Gefahren. So könnte der ohnehin wackelige soziale Frieden innerhalb der lohnabhängigen Schichten vollends zerbrechen und in offene Feindseligkeit und Aggressionen münden. Außerdem ist völlig unklar, wie lange die Maßnahmen andauern, ob sie je wieder vollständig aufgehoben werden und was sie tatsächlich und objektiv am Ende bringen.

Eine besonders gravierende Folge ist allerdings die jetzt schon absehbare massenhafte Zerstörung von Existenzen: Weltweit werden unzählige Lohnarbeiter, Soloselbständige und Kleinstunternehmer in die Armut, wenn nicht gar völlige Verelendung rutschen. Mehrere bei ausbleibendem Lohn oder Honorar nicht gezahlte Mieten können bereits den Weg in die Obdachlosigkeit ebnen. 

So könnte die Corona-Pandemie auch zu einem nie dagewesenen globalen Enteignungs- und Verarmungsprogramm zulasten der Lohnabhängigen und ärmeren Schichten werden – bis hin zum vollständigen Entzug sozialer Grundrechte unter Berufung auf höhere Gewalt. Dem müssen sich die Unterdrückten weltweit widersetzen.

Die Voraussetzung dafür ist unbedingte Klassensolidarität, das Bemühen um realistische Bewertung der Situation und das strikte Einhalten tatsächlich nötiger Vorsichtsmaßnahmen, um eine rasante Verbreitung der Infektion zu vermeiden und Alte und Kranke zu schützen. Dazu gehören unter anderem der Verzicht auf den Händedruck, regelmäßiges gründliches Händewaschen und erhöhte Vorsicht bei Erkältungssymptomen.

Wir dürfen aber nicht vergessen: Wir sind in eine Welt mit Viren und Krankheiten hineingeboren. Panik in einer unbekannten Situation, die in einer solchen Welt immer entstehen kann, ist niemals ein guter Ratgeber. Die Gefahr ist groß, dass die Herrschenden diese Pandemie und vor allem die Angst davor für einen Umbau hin zu repressiven, autoritären Diktaturen benutzen. Gemeinsamer Widerstand bleibt nötig.

(1)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2095096/ 

(2)https://www.n-tv.de/panorama/Nur-fuenf-Tote-waren-juenger-als-40-Jahre-article21655184.html 

(3)https://www.radioeins.de/programm/sendungen/die_profis/archivierte_sendungen/beitraege/corona-virus-kein-killervirus.html 

(4)https://www.youtube.com/watch?v=TYIpPvhrZ2A&feature=youtu.be 

(5)https://www.youtube.com/watch?v=XnlT3rPNUp0